Archive for the ‘Science Fiction’ Category

Dicker Brocken

Ich habe am WE wieder der Leidenschaft des Schmökerns gefrönt und mir einen der dickeren Bände aus dem Schrank geholt. Es geht um den SciFi-Roman „Aurora“ von Alastair Reynolds. Infos über den Autor hier(Wiki deutsch) oder hier (Wiki englisch).

Der Roman handelt im 25. Jahrhundert im Epsilon-Eridani-System, vor dem Hintergrund des sog. Revelation-Space-Zyklus. Die Menschheit hat zunächst andere Planeten wie den Mars besiedelt und sich dann auf den Weg in andere Sonnensysteme gemacht. Im Epsilon-Eridani-System hat sich um den Planeten „Yellowstone“ eine Gesellschaft aus 10.000 Habitaten, genannt „Das Glitzerband“, gebildet. Sie verwaltet sich mit Hilfe von Votenprozessoren selbst nach den Grundsätzen der „Demokratischen Anarchie„. Das bedeutet, jede Entscheidung über die Gesellschaft wird von allen (ca. 10 Millionen Personen) getroffen und abgestimmt. Unterstützt werden die Mitglieder des Glitzerbandes dabei von „Panoplia“, einer Art Polizeiorganisation die hauptsächlich Verstöße gegen den Abtimmungsprozeß sanktioniert  und in Notfällen das Glitzerband verteidigt.

Die Geschichte beginnt mit dem Außenpräfekten Klasse II Dreyfus, der eine Strafaktion gegen den Abstimmungsprozeß mit seinem 2-köpfigen Team, Sparver und Thalia Ng, durchführt. Ein ganzes Habitat wird für 1 Jahr vom Abstimmungsprozeß ausgeschlossen, jegliche Kommunikation und Ausreise werden untersagt. Damit sind die Bewohner auch von der „Abstraktion“ ausgeschlossen, eine Art weiterentwickeltem Super-Internet, das für einige der Bewohner wichtiger ist als das biologische Leben.

Nach ihrer Rückkehr nach Panoplia wird Dreyfus auf die Untersuchung eines Anschlags angesetzt, der das Potenzial hat einen Krieg auszulösen. Ein Glitzerband-Habitat wurde zerstört, die einzig in Frage kommende Waffe ist der Antrieb eines Lichtschiffes. Dadurch steuert das Glitzerband auf eine Konfrontation mit den „Ultras“, den Besatzungen der Lichtschiffe die einzig ihrem Schiff verpflichtet sind, eine andere Kultur vertreten und generell mit Misstrauen gesehen werden.

Es entwickelt sich ein vielschichtiger Handlungsbogen um die sich ausweitende Krise, Dreyfus deckt durch seine Hartnäckigkeit eine hinterhältige Intrige auf, die die Existenz des ganzen Glitzerbandes bedroht. Hintergrund des Ganzen sind jahrzehntealte Experimente zur Speicherung des menschlichen Bewusstseins und ein Mord…

Zum einen gefällt mir generell an Geschichten von Reynolds, dass einige klasssische Elemente von Science-Fiction vorhanden sind, SuperComputer/Raumschiffe/fremde Planeten, aber diese nicht im Mittelpunkt der Handlung stehen. Eine Besonderheit der Romane ist auch die konsequente Einhaltung der relativistischen Gesetze von Einstein. Die Geschichte könnte meiner Meinung nach auch in unserer Zeit oder bsp. im antiken Griechenland spielen, die nötigen Änderungen würden nur die Technik betreffen.

Besonders angesprochen hat mich die Beschreibung der demarchistischen Gesellschaft mit ihren enormen Freiheiten, die sowohl Vor- als auch krasse Nachteile bieten. Ohne moralischen Zeigefinger, auch wenn eine Romanfigur die Folgen extremer Freiheit zum Anlass nimmt das System zu verwerfen und im Namen der Sicherheit zum Verräter wird. Und was für Extreme! Habitate mit freiwilligen Tyranneien, in dennen ein Anführer per Zufall ausgesucht wird, alles andere wird total fremdbestimmt (alles Andere!) oder Habitate, deren Produkte Aufnahmen von grauenvollen Folterungen sind (Opfer durch Los bestimmt) und dadurch den Bewohnern exorbitanten Luxus gewähren (reißender Absatz der Aufnahmen).

Dies alles ist nach individuellen Maßstäben moralisch verwerflich aber von der Mehrheit gedeckt. Panoplia könnte eingreifen, aber nur mit Mandat der Demarchie. Solange alle Mitglieder weiterhin abstimmen können (auch in freiwilligen Tyranneien) hat Panoplia keine legale Eingreifmöglichkeit.

Fazit: Der Roman hat mich nicht losgelassen, Space opera im besten Sinne, bestes Kopfkino garantiert. Ein dicker Brocken mit 733 Seiten, kann ich aber trotzdem nur empfehlen. ABER: Wer auf gewaltige Weltraumschlachten mit 5-köpfigen Aliens bei Warp 9 steht wird damit nicht glücklich!

P.S.: Ich werde mir beizeiten auch mehr Romane von Reynolds besorgen, habe bisher nur noch „Arche“ von ihm gelesen, da werd ich mal auch noch was zu schreiben.