Die Würde des Menschen…

Ich lese bei einigen Newslettern mit, dabei ist auch Telepolis von heise, kennt bestimmt die eine oder andere. Heute las ich einen Artikel mit einer sehr schlichten Überschrift: Die Würde des Menschen ist unauffindbar

Der Soziologe Stefan Selke erzählt dort von seinen Überlegungen zur Armut in Deutschland und einem anstehenden Jubiläum welches wahrlich kein Grund zum Feiern ist: 20 Jahre TAFEL in Deutschland.

In dem Artikel wird auf einen Umstand hingewiesen der mir selbst oft sehr häufig auffällt. Wenn von Armut und Armen in Deutschland gesprochen wird, dann meist ÜBER die Menschen aber nicht MIT ihnen. Sehr selten sind bei den diversen Veranstaltungen, Diskussionsrunden oder wie auch immer arme Menschen direkt anwesend oder beteiligt.

In dem Artikel wird gut herausgearbeitet was eigentlich der Grundfehler bei der TAFEL, Kleiderkammern oder Sozialkaufhäusern ist. Selber lesen und nachdenken, ich sag nur: Sozialstaat? Ehrenamtliches Engagement? Existenzsicherndes Einkommen?

TAFELN helfen den Armen nicht Armut zu überwinden, sondern mit der Armut klarzukommen. Das ist der Punkt.

Stefan Selke stellt diesen Punkt im Artikel heraus und erzählt von seinen Reisen quer durch Deutschland, um arme Menschen direkt zu Wort kommen zu lassen, was dann in einem Buch mündete.

Hier gibt es eine Leseprobe von: Schamland – Die Armut mitten unter uns

Warum ich was zu diesem Artikel was schreibe?

Ganz einfach.

Ich fand die Überlegungen überzeugend, die Idee des Buches einfach super und schlussendlich:

Ich bin selbst davon betroffen.

Ich weiß nicht mehr genau wann meine Mutter zum ersten Mal in einer TAFEL war, muss in den späten Neunzigern gewesen sein. Armut war mir allerdings schon vorher sehr vertraut, Mom hat mich und meine 2 jüngeren Brüder allein großgezogen, erst als ich 15 war fand sie wieder Arbeit in einer Fabrik.

Knochenharte Arbeit am Band, aber es gab mehr Geld als die Sozialhilfe. Damit aufzuwachsen ist in der Rückschau nicht schön, es kam mir damals aber normal vor kein Geld zu haben. Im Gedächtnis ist mir vor allem der Hunger geblieben, den ich oft hatte. Und ich werde nie wieder in meinem Leben Dosen-Ravioli essen, den Geschmack kann ich nie mehr vergessen. (OK genug, über meine Kindheit schreib ich vielleicht zu einem anderen Zeitpunkt mehr)

Bei der Tafel war es besser, dort gabs mehr im Angebot, gesunde Sachen die wir uns dann auch mal endlich leisten konnten. Auch solche Sachen wie man sie im Fernsehen und in der Werbung immer sieht. Obwohl Mom arbeitete hatten wir sowenig Geld dass es Unterstützung durchs Amt gab, daher waren wir berechtigt, dort einzukaufen.

Ja richtig gelesen, berechtigt. Ohne entsprechenden Berechtigungsausweis kam man gar nicht erst in den Tafelladen. Was das eigentlich bedeutet wurde mir erst in den letzten Jahren langsam klar, nämlich:

-Kontrolle der Berechtigten (Wer kommt wie oft?)

-Erfassung der Berechtigungsdaten beim (Sozial)amt (Wer geht zur TAFEL?)

-Besser- und schlechtergestellte Arme (wer keine Berechtigung hat – Pech gehabt)

Warum eigentlich eine Berechtigung um bei der Tafel einkaufen zu gehen – reicht die gesellschaftliche Verachtung dahin gehn zu müssen nicht aus? Wer geht denn wirklich FREIWILLIG in eine Tafel?

Auch in den letzten Jahren, als ich hier in BigCity studierte war ich erstmal froh eine TAFEL-Ausgabe zu finden, als Student mit Bafög-Höchstsatz als einzigem Einkommen dreht man jeden Cent zweimal um. Hier gibt´s keine Berechtigung aber einen Mini-Ausweis mit Nummer bekommt man trotzdem zugewiesen. Damit soll verhindert werden, dass man mehrmals in der Woche bei verschiedenen Ausgabeplätzen was zugeteilt bekommt.

Ich ging dort nur sehr ungern hin, aber nicht etwa weil ich zur Tafel gehen musste für Lebensmittel. Sondern eher wie dort mit den Menschen umgegangen wurde und wird. An der ersten Ausgabestelle wird die Ausgabenummer nach Gutdünken derjenigen verteilt, die die TAFEL-Ausgabe dort organisiert. Wie dann alle sich drängeln und die Hände hochstrecken um eine frühe Nummer zu kriegen, weil dann noch mehr gute Sachen zu verteilen sind. 

Prinzipiell hab ich kein Problem damit Ältere, kranke Menschen oder Familien mit Kindern zu bevorzugen, aber die ganze Situation war geradezu symptomatisch für das System Tafel. Die Hilfsbedürftigen recken und dränglen sich um eine Stelle, von der sie mildtätig dann etwas zugewiesen bekommen.

Wer bei so etwas zusieht und mitmachen muss weiss was die Würde des Menschen in Deutschland heute bedeutet.

Bei der Ausgabestelle zu der ich momentan gelegentlich hingehe gilt das Gebot des Schnellsten: Wer zuerst kommt, is früher dran. Auch nicht unproblematisch, aber bei weitem besser als bei der vorigen Stelle. Führt nur zu stundenlangem Warten.

Was ist nur dran an der Kontrolle von Armen dass die keine Begrenzung zu haben scheint. Wie bitte schön soll man dieses System noch ausnutzen? Wird da nicht unterschwellig die Vermutung vertreten wer öfters als erlaubt zur Tafel geht der gibt sein dadurch eingespartes Geld doch eh nur wieder für Kippen/Alkohol aus? Was ist das für ein Menschenbild das dahintersteht?

20 Jahre TAFEL in Deutschland sind in meinen Augen keine Erfolgsgeschichte, sondern ein Armutszeugnis. Was ist dies für ein Land, in dem Menschen gezwungen sind um überflüssige Lebensmittel anzustehen, nur um etwas zu essen zu haben? Ein Sozialstaat?

Ein Erfolg wäre es doch wenn nach 20 Jahren die TAFEL überflüssig geworden wäre. Sieht im Augenblick nur nicht danach aus.

Aber ist es Zufall dass im gleichen Zeitraum in dem die Tafeln sich ausbreiteteten die gesellschaftliche Schere zwischen Arm und Reich enorm auseinanderging? Díe Anzahl der Vermögenden immer kleiner, ihr Vermögen dafür aber immer grösser wurde? Gibt´s da vielleicht ´nen Zusammenhang?

Irgendwer ´ne Meinung dazu? Immer her damit.

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4 comments so far

  1. Hummelchen on

    Klar wird in Deutschland viel zu viel weggeworfen und viele Menschen haben keine Achtung für Lebensmittel.Und klar ist Alg2 zum Leben zu wenig und zum Sterben zu viel,aber ich habe kein Verständnis für das System Tafeln und dafür das der Staat sich immer mehr aus der Verantwortung stielt in der er verdammt nochmal steht.
    Armut schändet nicht,wohl aber das gönnerhafte Gutmenschentum in dem sich manche,nicht alle,Ehrenamtler und Hauptamtliche aalen.Das bedeutet in meinen Augen Armut an Seele,Geist und Anstand-und das ist eine Schande die zum Himmel stinkt.

    Auch die zunehmende Systematisierung mit Hauptamtlichen die davon leben das es zuviel Armut gibt,ist pervers.Es ist vielleicht das Dilemma der sozialen Arbeit,aber welches Interesse könnten diese Menschen daran haben das ihr Job überflüssig wird?

    • davesstation on

      Hi Hummelchen, willkommen in meinem Blog.
      Das System Tafel funktioniert ja so: Es gibt zu viele Lebensmittel (LM) die weggeschmissen werden weil keiner die braucht/will/kaufen kann und gleichzeitig gibt es Menschen mit wenig Geld die die LM brauchen könnten. Also sammeln wir die LM ein und verteilen sie an Menschen mit wenig Geld.
      Es gäbe auch andere Möglichkeiten dieses Problem zu lösen, etwa gibt man den Menschen mehr Geld damit sie die LM selber kaufen können, man produziert weniger für den Mülleimer…
      Klar gibt es einen Zusammenhang, warum es mehr Hauptamtliche gibt die ihr Geld verdienen mit der Verwaltung und Arbeit mit Armut, und der Zunahme derselben. Nur zuerst war das Problem und dann wird versucht das zu lösen.
      Soziale Arbeit ist nicht verantwortlich für die Armut, sie versucht nur die ernormen Probleme, Folgen und Auswirkungen derselben zu bekämpfen. Zuerst versucht man ´ne Stabilisierung, dann (im Idealfall) die Menschen dazu zu befähigen sich selbst zu helfen. Hilfe zur Selbsthilfe.
      Nur wird diese Arbeit direkt/indirekt vom Staat finanziert, und der hat m.M. nach kein Interesse die Situation zu verändern, egal welche Farbe die Regierung hat. Nur die Armut verwalten und unerwünschte Auswüchse und Folgen bekämpfen.
      Es gibt einen großen Streit in den Sozialwissenschaften über die Rolle, Aufgabe und Auswirkung der Sozialen Arbeit, etwa Veränderung der Gesellschaft vs Veränderung des Individuums, Anpassung des einzelen an die Situation ja/nein/warum/gut/schlecht, Rollenkonflikt Helfer/Kontrolleur…
      Aber es stimmt, die größeren Organisationen wie z.b. Wohlfahrtsverbände haben ein Interesse daran dass ihre Arbeitsgrundlage erhalten bleibt. Aber sie haben weder die Macht Veränderungen zu blockieren oder zu erzwingen noch würde eine Veränderung (worauf ich hoffe, aber zum besseren) zwangsläufig bedeuten dass ihre Arbeitsgrundlage abgeschafft würde. Obwohl ich die Verbände durchaus für ihre Politk kritisiere sprechen sie doch im Sinne derer die keine Stimme haben und nicht gehört werden.
      Ich erinnere mich auch gut an die Antwort eines Professors auf meine Frage die in eine ähnliche Richtung ging wie deine: „Sie müssen sich keine Sorgen um ihre Arbeit machen, Probleme gibts genug. Und es wird auch nicht weniger sondern mehr.“
      Diese Antwort ließ mich damals schon nachdenklich zurück, über die Implikationen dieser Aussage denke ich auch heute noch sehr häufig nach.
      Manchmal fühle ich mich wie der berühmte Frosch im Wassser, der ruhig in einem Topf sitzenbleibt obwohl der langsam heißer wird…

  2. frauhilde on

    Ich finde es extrem schwer, mir eine Meinung zu bilden. Einerseits sind die Tafeln eine großartige Sache für Menschen, die auf jeden Cent angewiesen sind, keine Frage.
    Andererseits nimmt das dem Staat und der Gesellschaft die Verantwortung, die Missstände zu beseitigen. Ist wie bei den Ehrenamtlichen. Besteht kein Handlungsbedarf seitens Staat – es gibt doch Leute, die das „für lau“ machen! Prima, muss man schon keine teuren Sozialleistungen anbieten.
    Hinzu kommt die Stigmatisierung derer, die Tafel oder auch die Kleiderläden der Diakonie u.ä. nutzen müssen. Die Gesellschaft schaut verächtlich auf sie herab (ich habe zwischen Studium und Ref fast ein Jahr lang von Grundsicherung + 1-Euro-Job gelebt und bin auch auf die Tafeln zurückgekommen und habe mir Second-Hand-Kleidung gekauft. Dieses gönnerhafte „na, ihr Sozialschmarotzer, da habt ihr Bananen, kloppt euch drum“ werde ich nie vergessen).

    • davesstation on

      Ich stimme dir zu, Tafeln sind für die Menschen mit wenig Geld eine großartige Sache, habe ich ja auch selbst an eigenem Leib erfahren. Mein Eindruck hinsichtlich der Stigmatisierung von Menschen die Tafeln, Kleiderläden etc. aufsuchen ist aber dass diese abgenommen hat, im Sinne von: „Die brauchen´s ja, gut dass es sowas gibt. Schon schlimm dass es gebraucht wird aber was soll man schon machen“ Die Einstellung ist in meinen Augen aber brandgefährlich denn: Diese Akzeptanz bedeutet schlichtweg die Akzeptanz andauernder Armut, die durch Tafeln etc. nicht überwunden werden KANN. Dafür braucht es andere Ansatzpunkte, aber die Notwendigkeit Änderungen durchzuführen sinkt ja paradoxerweise wenn es mehr Unterstützung für arme Menschen gibt um mit ihrer Armut klarzukommen. Dadurch verfestigt sich der Status Quo, in meinen Augen gehen wir mit Riesenschritten in unserer gesellschaftlichen Entwicklung zurück.
      Allerdings wird dennoch kaum jemand in seinem Umfeld zugeben auf Tafeln etc angewiesen zu sein, es wäre wohl in vielen Fällen der soziale Tod. Andersherum kann man sich aber der Zustimmung und Anerkennung seines sozialen Umfelds sicher sein, wenn man von seiner freiwilligen Mitarbeit in einer solchen Einrichtung erzählt.
      Verrückte Situation, oder?
      By the way: Die Idee mit den Ehrenamtlichen, die die Aufgaben des Staates übernehmen sollen wird nicht rein zufällig gefördert, in England bspw. läuft das unter dem Begriff „Big Society“, einfach mal googeln.


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